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DIE WITH MEMORIES - NOT WITH DREAMS

Warum der Wiedereinstieg ins Schwimmtraining Geduld, Struktur und Prozessdenken verlangt

Sechs Wochen ohne Schwimmen fühlen sich für viele Athletinnen und Athleten wie ein Rückschritt an. Gerade im Triathlon, wo Wassergefühl, Rhythmus und Technik eine zentrale Rolle spielen, entsteht schnell das Gefühl, etwas verloren zu haben. Genau hier liegt der Denkfehler. Nicht jede Trainingspause ist Stillstand. Oft ist sie ein notwendiger Teil des Aufbaus.

Diese Woche war für mich sinnbildlich. Nach einer kurzen Unterbrechung durch Hallenbad-Schliessung und Ausweichtraining sind wir mit dem Verein wieder zurück im Neufeld. Parallel dazu bin ich selbst erstmals seit sechs Wochen wieder ins Wasser gestiegen. Zwei Perspektiven, die sich ergänzen, aber klar getrennt bleiben müssen. Coach und Athlet. Beobachten und Erleben. Analyse und eigenes Körperfeedback.

Neufeldhallenbadleer
Zurück im Wasser 3

Zurück im Schwimmtraining als Coach

Als Trainer siehst du nach einer Unterbrechung vieles sofort. Wasser verzeiht nichts. Kleine technische Unsauberkeiten werden sichtbar, sobald Belastung ins Spiel kommt. Wasserlage, Zuglänge, Atmung, Timing. Dinge, die an Land kompensiert werden können, funktionieren im Wasser nicht.

Nach der Weihnachtspause geht es im Schwimmtraining deshalb nicht darum, möglichst schnell wieder alte Intensitäten abzurufen. Der Fokus liegt auf Wiederholung, auf sauberer Technik unter moderater Belastung. Genau hier entscheidet sich, ob ein Athlet langfristig stabil aufbauen kann oder früh in Überlastungen rutscht. Gerade im Nachwuchs- und Amateurbereich ist Geduld der limitierende Faktor, nicht Motivation.

Zurück im Wasser als Athlet

Der eigene Wiedereinstieg war bewusst unspektakulär. Kein Test, kein Vergleich, kein Druck. Sechs Wochen (etwas länger als die Athleten) ohne Schwimmen hinterlassen Spuren, nicht in der Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems, sondern im spezifischen Wassergefühl. Der Körper erinnert sich schneller als das Gefühl. Das Gefühl kommt nicht zurück. Es wird erarbeitet.

Physiologisch ist das gut erklärbar. Zentrale Anpassungen wie Herzzeitvolumen oder aerobe Enzymaktivität bleiben über mehrere Wochen relativ stabil. Periphere Anpassungen, vor allem koordinative und sensorische Prozesse, bauen sich schneller ab. Im Schwimmen betrifft das vor allem die intermuskuläre Koordination, die Feinsteuerung der Zugphase und die propriozeptive Rückmeldung im Wasser (Seifert et al., 2010).

Der Wiedereinstieg muss deshalb strukturiert erfolgen. Weniger über Pace, mehr über Wiederholungen. Weniger über Intensität, mehr über Technik unter kontrollierter Ermüdung.

RalphCastelbergNeuhfeld
Zurück im Wasser 4

Aufbau ist kein Sprint

Ein häufiger Fehler im Schwimmaufbau besteht darin, Intensität als Abkürzung zu sehen. Gerade nach Pausen entsteht der Drang, verlorene Zeit „aufzuholen“. Trainingswissenschaftlich ist das nicht haltbar. Anpassungen folgen keinem linearen Zeitkonto. Sie folgen Reizen, Regeneration und Wiederholung.

Aufbau bedeutet Wiederholung. Nicht Intensität.
Diese einfache Aussage fasst den Kern gut zusammen.

Im Schwimmen heisst das konkret:

  • Zuerst Volumen in technisch sauberer Ausführung.
  • Danach moderat gesteigerte Belastung bei gleichbleibender Technik.
  • Erst später gezielte Intensitäten.

Dieser Ablauf reduziert das Verletzungsrisiko für Schulterstrukturen, verbessert die Ökonomie und schafft eine stabile Basis für spätere wettkampfspezifische Inhalte (Crowley et al., 2017).

Geduld als trainingswirksamer Faktor

Geduld wird im Training oft als mentale Tugend gesehen. Tatsächlich ist sie ein physiologischer Faktor. Gewebeadaptionen, neuronale Muster und energetische Prozesse benötigen Zeit. Wer diese Zeit nicht einräumt, verschiebt die Rechnung lediglich nach hinten. Meist in Form von Überlastung, Plateaus oder technischen Rückschritten.

Für mich persönlich steht der Aufbau klar im Hinblick auf Frühling und Sommer. Nicht einzelne Einheiten sind entscheidend, sondern saubere Prozesse über Wochen. Diese Denkweise gilt unabhängig vom Leistungsniveau. Sie unterscheidet kurzfristige Motivation von langfristiger Entwicklung.

Nicht weitermachen wo aufgehört, sondern den aktuellen Stand nehmen

Zurück im Schwimmtraining zu sein bedeutet nicht, dort weiterzumachen, wo man aufgehört hat. Es bedeutet, den aktuellen Stand anzunehmen und strukturiert darauf aufzubauen. Als Coach beobachte ich diesen Prozess. Als Athlet durchlaufe ich ihn selbst.

Das Wasser ist dabei ehrlich. Es zeigt, wo Geduld fehlt und wo Struktur trägt. Wer bereit ist, Wiederholung über Intensität zu stellen, legt die Grundlage für stabile Leistungen. Nicht nur im Schwimmen, sondern im gesamten Ausdauertraining.

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